CHEMOTYPEN 

In der Vergangenheit wurde bei chemosystematischen Arbeiten an Koniferen den Terpenen große Aufmerksamkeit gewidmet. 
Zur Unterscheidung von Arten, zur Abgrenzung von Rassen und Herkünften, allgemein Sippen, und für die Diagnose von künstlichen oder natürlichen Hybriden erwiesen sich speziell die Monoterpene als geeignet. 
Allerdings standen in der Vergangenheit einzelne Monoterpene im Mittelpunkt des Interesses und solche mit großer Streuung wurden vielfach als ungeeignet angesehen.   
Oft versuchte man mit Mischproben aus vielen Individuen zu "repräsentativen Mittelwerten" für die untersuchten Sippen zu gelangen.
Am Lehrstuhl für Forstbotanik gehen wir seit vielen Jahren einen anderen Weg:
Unser Ausgangspunkt ist das Individuum und dessen individuelles Terpenmuster.
Individuen mit gleichem oder sehr ähnlichem Terpenmuster gehören zum selben 
"Chemotyp" (man könnte auch "Terpenotyp" sagen).
Bei unserem Ansatz sind die Sippen durch die unterschiedlichen Anteile der verschiedenen Chemotypen charakterisiert. 
 

Ein stark vereinfachtes Beispiel macht das Gesagte (hoffentlich) deutlich:

(A, B, C, D, E = verschiedene Monoterpene im Harz; %= prozentualer Anteil an der Gesamtfraktion)
 
A B C D E SIPPE 1
SIPPE 2
A B C D E
Baum 1 10% 20% 30% 40% 0% Chemotyp 1 Chemotyp 6 20% 20% 20% 20% 20% Baum 1
Baum 2 0% 40% 30% 20% 10% Chemotyp 2 Chemotyp 6 20% 20% 20% 20% 20% Baum 2
Baum 3 40% 30% 20% 10% 0% Chemotyp 3 Chemotyp 6 20% 20% 20% 20% 20% Baum 3
Baum 4 0% 10% 20% 30% 40% Chemotyp 4 Chemotyp 6 20% 20% 20% 20% 20% Baum 4
Baum 5 50% 0% 0% 0% 50% Chemotyp 5 Chemotyp 6 20% 20% 20% 20% 20% Baum 5
Baum 6 20% 20% 20% 20% 20% Chemotyp 6 Chemotyp 6 20% 20% 20% 20% 20% Baum 6
Mittelwert: 20% 20% 20% 20% 20% Mittelwert: 20% 20% 20% 20% 20%
 
Vergleicht man die "Sippe 1" auf der Basis der Mittelwerte mit "Sippe 2", so sind sie nicht voneinander zu unterscheiden ( in beiden Fällen betragen die Mittelwerte für die 5 Komponenten 20%). 
Vergleicht man die beiden "Sippen" jedoch auf der Basis der jeweiligen Anteile unterschiedlicher Chemotypen, so wird deutlich, daß sie grundverschieden sind ! Sippe 1 beinhaltet 6 verschiedene Chemotypen, Sippe 2 nur einen.
P.S. Beinhalten zwei Sippen überwiegend Individuen mit deutlich voneinander verschiedenen Terpenmustern, was zum Beispiel bei geographisch weit voneinander getrennten Rassen einer Baumart (Kiefer, Tanne, Lärche usw.) durchaus normal ist (große Variabilität vorausgesetzt), so lassen sich diese Sippen auch auf der Basis der Mittelwerte gut unterscheiden. 
Für Untersuchungen "feinerer" Unterschiede, z.B. innerhalb eines eng begrenzten Gebietes, ist die Chemotypenanlyse unbedingt vorzuziehen, zumal der Mehraufwand bei geeigneter Methode gering ist. 
 
Die Art, die Herkunft, der Bestand enthält viele verschiedene Individuen und setzt sich demnach aus unterschiedlichen Anteilen verschiedener Chemotypen / Terpenmuster zusammen, von denen manche häufig, andere selten sind und wieder andere nur sporadisch auftreten oder sogar völlig fehlen.  
Der wichtigste Unterschied zur herkömmlichen Methode (siehe oben) besteht also darin, daß das Gewicht des Individuums (z.B. in Form eines seltenen Terpenmusters) sehr stark berücksichtigt wird und nicht im Mittelwert "verschwindet".  

Die Isoenzymanalyse geht, nebenbei bemerkt, mit seltenen Allelen einen ähnlichen Weg. 

 
 
lang@bot.forst.uni-muenchen.de  15.12.1999 zurück