Soweit wir es heute beurteilen können, wurde in Europa bis weit in die Neuzeit hinein die sprachliche Verschiedenheit selten als Problem gesehen. Die gelehrte Welt verständigte sich im Abendland auf Latein, ein Meinungsaustausch mit Ländern außerhalb dieses Kulturkreises war selten, und die nicht lateinisch sprechende Masse der Bevölkerung war kaum in der Lage, an internationalen Treffen teilzunehmen.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurde das Latein jedoch allmählich durch die sich entwickelnden Nationalsprachen abgelöst. Dadurch erhielten große Kreise der Bevölkerung endlich die Möglichkeit, an der kulturellen Entwicklung teilzunehmen. Andererseits verlor die Kultur ihre Universalität, und die europäischen Völker entfremdeten sich einander so sehr, daß es zur Entwicklung von Nationalismus und ``Erbfeindschaften'' kam. Im 19. Jahrhundert führten die rasante Entwicklung des Verkehrswesens und die damit möglich gewordenen Handelsbeziehungen nicht zu der erhofften friedlichen Welt. Im Gegenteil : Im Innern der Staaten wuchsen die Spannungen zwischen den Nationalitäten bis zum unerbittlichen Haß, der zur Unterdrückung von Minderheiten führte, und die Beziehungen zwischen den Staaten waren von borniertem Chauvinismus vergiftet.
Es ist nicht verwunderlich, daß eine Minderheit humanistisch gesonnener Menschen sich dieser unheilvollen Entwicklung entgegenstemmte und für Völkerfreundschaft auf der Grundlage der völligen Gleichberechtigung aller Nationen eintrat. Einer von ihnen war der jüdisch-polnische Augenarzt Ludwig Zamenhof (sprich Samenhof). Er war im damals russischen Bialystok geboren worden, in dem 4 Nationalitäten unterschiedlicher Sprache und Kultur einander erbittert befehdeten, nämlich Russen, Polen, Deutsche und jiddisch sprechende Juden. Die Juden stellten zwar die Mehrheit der Bevölkerung, hatten aber unter dem Haß der ``christlichen'' Volksgruppen am meisten zu leiden. Diese Erfahrungen machten Zamenhof zu einem leidenschaftlichen Verfechter der Idee der Einheit aller Menschen. Er selbst begründete sein Engagement einmal so :
``Wäre ich nicht ein Jude aus dem Ghetto gewesen, so wäre mir die Idee der Einheit der Menschheit entweder nie in den Sinn gekommen, oder sie hätte mich niemals so hartnäckig während meines ganzen Lebens in Bann gehalten. Das Unglück der Uneinigkeit der Menschheit kann niemand so stark empfinden wie ein Jude aus dem Ghetto, der zu Gott in einer längst toten Sprache beten muß und seine Erziehung und Bildung in der Sprache eines Volkes erhält, das ihn unterdrückt, und der Leidensgenossen in der ganzen Welt hat, mit denen er nicht kommunizieren kann.''
Aus diesem Zitat ist schon ersichtlich, daß Zamenhof in der Verschiedenheit der Sprache eine wesentliche Ursache für die Uneinigkeit der Menschen sah. Andererseits war ihm natürlich völlig klar, daß ein Untergang der vielen Nationalsprachen ein unerträglicher kultureller Verlust wäre. Eine internationale Verständigung bei gleichzeitiger Bewahrung der kulturellen Vielfalt wäre nur möglich, wenn jeder Mensch neben seiner Muttersprache eine internationale Sprache lernen würde. Obgleich Zamenhof selber viele Sprachen (auch deutsch) perfekt beherrschte, so war er doch, im Gegensatz zu vielen heutigen Kulturpolitikern, realistisch genug zu sehen, daß eine ``natürliche'' Nationalsprache diesen Zweck niemals erfüllen kann. Er schreibt :
``Jede lebende und noch mehr jede tote Sprache ist derart mit Schwierigkeiten gespickt, daß ein auch nur halbwegs gründliches Studium nur denen möglich ist, die viel Zeit und entsprechende finanzielle Mittel haben. Im Falle einer Plansprache dagegen könnte gleich jeder sie nach einigen Monaten gut beherrschen, alle Klassen der menschlichen Gesellschaft, nicht nur die Intelligentsia und die Reichen, sondern selbst die ärmsten und ungebildetsten Landbewohner.'' (Es sei hier angemerkt, daß mit den ``ungebildetsten Landbewohnern'' nicht etwa heutige Bauern, sondern die gerade aus der Leibeigenschaft entlassenen Muschiks des Zarenreiches gemeint sind).
So machte sich Zamenhof also daran, eine Plansprache zu entwerfen, die einmal so einfach ist, daß sie jeder mühelos lernen kann, die aber andererseits den Nationalsprachen an Ausdrucksfähigkeit zumindest nicht nachsteht. Nach vielem Experimentieren erhielt die Sprache schließlich im Jahre 1887 ihre endgültige Form und hat sich inzwischen unter dem Namen ESPERANTO weltweit verbreitet.
Esperanto wurde von vornherein so konzipiert, daß es sich für alle Ebenen der menschlichen Kommunikation in gleichem Maße eignet, also z.B. für die Umgangssprache ebenso gut wie für Poesie und Wissenschaft. Dabei verbindet es in idealer Weise Einfachheit und Ausdrucksreichtum. Die Einfachheit des Esperanto liegt nicht etwa darin, daß es keine grammatischen Regeln gäbe, sondern darin, daß diese Regeln keine Ausnahmen kennen. Ich möchte dieses Prinzip zunächst am Beispiel der Wortbildung erläutern.
In Esperanto läßt sich aus einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Wortwurzeln eine außerordentlich große Zahl verschiedener Wörter erzeugen. Hierfür stehen drei Möglichkeiten zur Verfügung.
Diese Möglichkeiten zur Wortbildung sind im Esperanto so produktiv wie wahrscheinlich in keiner anderen Sprache : Jeder Esperantosprecher kann mit ihrer Hilfe jederzeit spontan neue gültige und für jeden anderen Esperantisten verständliche Wörter bilden. Von dem Wort helpi = helfen lassen sich z. B. allein mit Hilfe der Vor- und Nachsilben mehrere hundert Wörter ableiten. Die meisten von ihnen haben natürlich im Deutschen oder in anderen Sprachen keine Entsprechung und müßten mühsam umschrieben werden. Zum Beispiel ließe sich bereits mit Hilfe der eben beschriebenen Nachsilben die Serie
Auch am Beispiel der Konjugation läßt sich die für Esperanto charakteristische Kombination von Einfachheit und Ausdrucksreichtum sehr schön zeigen. Wie eben schon erwähnt wurde, endet jedes Verb im Infinitiv mit -i, z. B. bedeutet ``trinki'' trinken und ``esti'' sein. Die Formen für die einfachen Zeiten Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sowie das Konditional werden mit Hilfe der Endungen -as, -is , -os und -us gebildet :
| mi trinkas = ich trinke | mi estas = ich bin |
| mi trinkis = ich trank | mi estis = ich war |
| mi trinkos = ich werde trinken | mi estos = ich werde sein |
| mi trinkus = ich tränke | mi estus = ich wäre |
Außerdem gibt es für jede Zeit Partizipien, die im Aktiv auf -anta, -inta und -onta und im Passiv auf -ata, -ita und -ota enden. Jedes dieser Partizipien läßt sich mit den Formen von ``esti'' kombinieren. So erhalten wir die Formen der Verlaufsform (der englischen progressive form) als
| mi estas trinkanta | = | mi trinkantas | = | I am drinking |
| mi estis trinkanta | = | mi trinkantis | = | I was drinking |
| mi estos trinkanta | = | mi trinkantos | = | I will be drinking |
| mi estus trinkanta | = | mi trinkantus | = | I would be drinking |
| la akvo estas trinkata | = | trinkatas | = | das Wasser wird getrunken |
| la akvo estis trinkata | = | trinkatis | = | das Wasser wurde getrunken |
| la akvo estos trinkata | = | trinkatos | = | das Wasser wird getrunken werden |
| la akvo estus trinkata | = | trinkatus | = | das Wasser würde getrunken werden |
Durch andere Kombinationen lassen sich beliebige Zeitformen anderer Sprachen nachahmen, z.B.
| mi estis trinkinta | = | mi trinkintis | = | ich hatte getrunken |
| mi estos trinkinta | = | mi trinkintos | = | ich werde getrunken haben |
| mi estas trinkonta | = | mi trinkontas | = | I am about to drink |
| mi estis trinkonta | = | mi trinkontis | = | ich wollte gerade trinken |
| la akvo estas trinkita | = | la akvo trinkitas | = | das Wasser ist (aus-)getrunken |
Als weitere infinite Verbformen gibt es :
| akvo trinkebla | = | trinkbares Wasser |
| akvo trinkenda | = | Wasser, das getrunken werden muß |
| akvo trinkinda | = | Wasser, das wert ist, getrunken zu werden. |
Das Esperanto verfügt also über einen Formenreichtum und damit über Differenzierungsmöglichkeiten, wie sie von kaum einer anderen Sprache erreicht werden, auch nicht vom viel bewunderten Latein oder Altgriechischen. Trotzdem läßt sich die gesamte Konjugation in wenigen Minuten lernen.
Schon wenige Jahre nach der Veröffentlichung hatte Esperanto zunächst in Europa, später auch in Amerika und Ostasien Hunderttausende begeisterter Anhänger gefunden. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte die Esperantobewegung noch einmal einen großen Aufschwung; dann aber wurde sie von Hitler, Stalin und den japanischen Imperialisten fanatisch verfolgt und fast völlig vernichtet. Nach dem Untergang des Faschismus in Europa und Ostasien und der Entstalinisierung in Osteuropa hat Esperanto in weltweitem Maßstab seine alte Position zurückerobern können und ist jetzt dabei, seinem alten Ziel einer weltweiten Verbreitung ein wenig näher zu kommen. Zwar führt Esperanto heute in Westeuropa und Nordamerika nach wie vor ein Schattendasein und ist hier sogar noch weniger bekannt als in der Zeit zwischen den Weltkriegen. In Osteuropa hat seine Verbreitung jedoch kontinuierlich zugenommen, und in Ungarn und Bulgarien ist es an den höheren Schulen als zweite Fremdsprache wählbar. Erstmalig gibt es jetzt eine nennenswerte Anzahl von Esperantosprechern in Afrika und im Orient(im Iran wahrscheinlich mehr als in der Bundesrepublik Deutschland). Ein bisher beispielloses Interesse hat es in der Volksrepublik China nach dem Tode Maotsetungs gefunden. Der chinesische Staat hat die Förderung von Esperanto einschließlich der Sprachlehrerausbildung selbst in die Hand genommen und innerhalb der Chinesischen Akademie der Wissenschaften eine eigene esperantosprachige Abteilung gegründet. Sprachkurse werden nicht nur an Schulen, Hochschulen und Betrieben durchgeführt, sondern auch durch Rundfunk und Fernsehen ausgestrahlt. Alle diese Veranstaltungen finden in der Bevölkerung so reges Interesse, daß bei vielen Kursen die Mehrzahl der Bewerber aus Platzmangel abgewiesen werden muß.
Wie ist dieses starke offizielle Interesse an Esperanto in einem Staat wie China zu erklären, der sicher andere Probleme hat als die Förderung eines idealistischen Hobbies? China ist nach seinem Sebstverständnis noch ein Land der Dritten Welt. Zum Aufbau seiner Industrie benötigt es dringend die Verbreitung wissenschaftlicher und technischer Kenntnisse in der Bevölkerung. Es gibt aber nur sehr wenige Fachbücher in chinesischer Sprache. Wenn sich also ein Chinese moderne wissenschaftliche Kenntnisse aneignen will, muß er zunächst einmal eine europäische Sprache lernen. Die europäischen Sprachen unterscheiden sich jedoch so stark vom Chinesischen, daß ein durchschnittlich begabter Student ein jahrelanges intensives Studium aufwenden muß, um z. B. ein englisches Buch verstehen zu können - von der Fähigkeit zur wissenschaftlichen Diskussion ist dann noch keine Rede. Esperanto kann man jedoch nach wesentlich kürzerer Zeit perfekt für den mündlichen und schriftlichen Gebrauch beherrschen. Aus diesem Grunde fördert China einerseits die Verbreitung dieser Sprache und ermuntert andererseits Wissenschaftler dazu, Lehrbücher und andere wissenschaftliche Veröffentlichungen in Esperanto zu schreiben oder ins Esperanto zu übersetzen. Auf diese Weise wäre ein internationaler Wissenschafts- und Kulturaustausch möglich, ohne daß ein Volk deshalb diskriminiert würde, weil seine Sprache nicht als international bedeutsam angesehen wird. Zur Zeit haben wir es mit einer Situation zu tun, die der US-amerikanische (!) Wissenschaftler Bruce Arne Sherwood wie folgt charakterisiert : ``Erfolg in der internationalen Wissenschaft hat bislang eine diskriminierende, unwissenschaftliche Voraussetzung: Die Redegewandtheit im Englischen.'' Dieser auch für uns Deutsche nicht ganz befriedigende Zustand kann wohl nur dadurch geändert werden, wenn zur internationalen Verständigung eine neutrale, leicht erlernbare und ausdrucksreiche Plansprache wie Esperanto verwandt wird.